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28.01.2020
Kategorie: Info

Landwirtschaft 2020

Zum BMU Agrarkongress am 14.Januar 2020 ein Beitrag von Hella Ueberschaer


© Michael Gäbler CC BY-SA 3.0

 

 

Das Thema Umwelt und Landwirtschaft ist in aller Munde. Und so unterschiedlich die Betriebsstrukturen der Bauern sind,  so verschieden sind auch ihre Praktiken und ihr Umweltbewusstsein. Ich weiß, es gibt ihn, den ehrlichen und umsichtigen Bauern.

Aber am 26.11.2019 demonstrieren 40.000 Bauern mit 8600 Treckern in Berlin gegen die Agrarpolitik der Bundesregierung. Als Umweltschützer reibt man sich die Augen. Ca. 250 Millionen € Betriebskapital (gehen wir von einem Wert pro Traktor von 30 T € aus) in Berlins Straßen, weil sich die Landwirte ungerecht behandelt fühlen.

Svenja Schulze antwortet auf die Forderung nach Respekt für die Bauern, dass jeder Steuerzahler im Schnitt 114 € für die EU-Agrarförderung ausgibt.
Hier stehen die Gegensätze im Raum und die „roten Flächen“ sind ja auch nicht deshalb rot, weil wir Umweltschützer Farbe hineingegossen haben, sondern weil jahrzehntelang gegen besseres Wissen unsere Böden und unser Wasser vergiftet worden sind.

Das ist gesellschaftlicher Konsens und nun leiden knapp die Hälfte der Landfrauen daran, dass das negative Image der Landwirtschaft in den Familien von landwirtschaftlichen Betrieben eine erhebliche soziale Belastung darstellt.
(Quelle: Schanz et al. 2018, Ergebnis einer Online-Befragung landwirtschaftlicher Betriebe in Baden-Württemberg)
Schon vor einem Jahr hat Svenja Schulze, wie auch in diesem Jahr, eingeladen zu einem Austausch, einer Ideensammlung und gemeinsamer Lösungssuche, diesmal mit dem Titel Umwelt und Landwirtschaft im Dialog: Für einen „Green Deal“ in der Agrarpolitik.

Es ist ihr ein Anliegen aus der Sackgasse wieder herauszukommen  und Dialogräume zu schaffen. Aber es sollen die 6 Milliarden € EU-Gelder nur gezahlt werden, wenn der Umweltschutz die Zahlung rechtfertigt. Nicht was sich rechnet ist gut, sondern es muss gut sein und sich rechnen.
Der  Bericht des IPCC vor einem Jahr drückt deutlich die Dringlichkeit des Handlungsbedarfes aus, wenn es dort heißt, dass die Biodiversität deutlich schneller stirbt, als gedacht.

Jetzt muss eine gute Agrarpolitik gemacht werden, die die 15 Jahre zu viel an Nitrat und Glyphosat wieder ausgleicht und das mit einem Mix aus Freiwilligkeit und Gesetz. Das alles mit großer Ehrlichkeit beim Blick auf die Umweltschäden, so war das Statement der Umweltministerin.

Nach dieser beeindruckenden Eröffnungsrede kam Herr Professor Dirk Messner zu Wort. Er ist seit dem 01. Januar 2020 der neue Präsident des Umweltbundesamtes und ein international renommierter Nachhaltigkeits-forscher.

2020 ist ein Jahr der Weichenstellung, so begann er seine sehr ambitionierte Rede und wies auf die Ziele hin:
20 % Methan und Lachgasreduktion bis 2030, Ammoniak und Feinstaubreduktion, Wiederherstellung der verfügbaren Flächen, Degradierung stoppen. Artenvielfalt braucht Raum, Vogelvielfalt bis 2030 wieder herstellen, Durchsetzung eines ambitionierten Gewässerschutzes.

Die Folie oben untermauert seine These, dass die Landwirte Erwartungssicherheit benötigen. Es müssen langfristig verlässliche Lösungen gefunden werden. Lebensmittelstandards müssen nachgebessert werden und auch für Importware gelten. Der Handel muss seine Standards überdenken und seine Geschäfte transparent und gemäß dem Nachhaltigkeitsprinzip gestalten.
Das klingt gut, aber seit 2016 wissen wir von Matthias Wolfschmidt, Veterinärmediziner und aktiv bei food watch, über die praktizierte agrarökonomische Unvernunft und über die Schattenseiten der entfesselten Agrarpolitik. Diese Unvernunft hängt mit dem Handel zusammen.

(„Das Schweinesystem“: Wie Tiere gequält, Bauern in den Ruin getrieben und Verbraucher getäuscht werden. Matthias Wolfschmidt, 2016)
Es fällt schwer daran zu glauben, dass sich dieses System ändern kann in der wenigen Zeit, die noch bleibt, um die Klimaschutzverträge einzuhalten.
Frau Professor Hiltrud Nieberg vom Johann Heinrich von Thünen Institut zeigte uns  sehr anschaulich die Situation der Landwirte auf:

Die Anzahl der landwirtschaftlichen Betriebe mit mehr als 5 ha ist in den letzten 20 Jahren um 25 % gesunken.
Die Bestandsgröße bei Schweinen stieg um 293 % und bei den Milchkühe um 116 %.
Die Anzahl der Arbeitskräfte sinkt um 20 % und der Anteil der Fremd-AK steigt um 47 %.


Dies sind nur einige Daten, es deutet sich eine Konzentration des Landes in den Händen weniger an und die Hof-Übergabe aus Altersgründen ist immer seltener an die eigenen Kinder gegeben. Der Druck ist groß auf diese Berufsgruppe und es gibt sicher noch viele Einzelheiten, die ihre Arbeit beeinflussen, von denen wir wenig bis keine Ahnung haben. Es ist gut, dass darüber jetzt geredet werden soll. Aber dann muss auch gehandelt werden.

Dass es auch im Freiwilligkeitsprinzip gute Beispiele gibt, zeigt eine Kooperation von einer Obstplantage am Bodensee, Rewe und dem NABU.
Hier sind viele tragfähige Ergebnisse entstanden, wie die Wildbienen wieder zunehmen können. Und zwar konnten sich die Arten verdoppeln und die Anzahl der einzelnen Arten nahm ebenfalls signifikant zu.

Es bleibt der starke Wunsch nach dieser Veranstaltung des BMU, dass  Beispiele dieser Art wie Pilze aus dem Boden wachsen mögen.

Hella Ueberschaer, Referentin für Umwelt und Gesundheit, Hausreferentin NFH Ferchels, Hopfen-Hof